Patienteninformation zur Radontherapie

Exposée: Viele Menschen leiden an chronischen Erkrankungen, die mit rheumatischen Schmerzen einhergehen. Von alters her genießt Radon, ein in der Natur vorkommendes radioaktives Edelgas, den Ruf einer besonderen Wirksamkeit bei der Therapie dieser rheumatischen Erkrankungen. Aufgrund der natürlichen Radioaktivität von Radon gibt es eine Verunsicherung der Patienten, die geheilt und nicht durch die Therapie geschädigt werden möchten. Mit der vorliegenden Informationsschrift werden Antworten auf die berechtigte Frage nach dem möglichen Risiko einer Radon-Therapie gegeben

Einführung

Viele Menschen leiden an chronischen Erkrankungen, die mit rheumatischen Schmerzen einhergehen. Diese Erkrankungen des sog. Rheumatischen Formenkreises umfassen einerseits entzündliche Veränderungen der Gelenke und der Wirbelsäule, andererseits aber auch deren Verschleißerscheinungen. Zu den entzündlichen Erkrankungen der Gelenke gehört vor allem die chronische Polyarthritis (rheumatoide Arthritis), zu den entzündlichen Erkrankungen der Wirbelsäule sind es Bandscheibenschäden (Osteochondrosen); Verschleißerkrankungen der Gelenke sind z.B. die Hüftarthrose und die Arthrose der Kniegelenke und der Fingergelenke.

Medikamentös werden diese Erkrankungen bevorzugt mit sog. nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) behandelt. Daneben genießt Radon, ein in der Natur vorkommendes radioaktives Edelgas als radioaktives Folgeprodukt von Radium, von alters her den Ruf einer besonderen Wirksamkeit von Heilquellen bei der Therapie dieser chronischen rheumatischen Erkrankungen.

Die nicht-steroidalen Antirheumatika können jedoch die Magenschleimhaut mehr oder minder stark schädigen (Magengeschwüre, Magenblutungen, Magendurchbruch), oder sie können als sog. Coxibe Schäden am Herzen (Herzinfarkte, Schlaganfälle) verursachen.

Radon und seine radioaktiven Zerfallsprodukte gelangen während der Therapie in Wannenbädern oder Inhalatorien (z.B. in Thermal-Heilstollen) unmittelbar durch die Haut in den Körper des Patienten bzw. werden mit der Luft eingeatmet und entfalten dort ihre Heilwirkung, insbesondere auf das Immunsystem. Wegen der natürlichen Radioaktivität von Radon und seinen radioaktiven Zerfallsprodukten wird von Kritikern der Radon-Therapie in Wannenbädern oder Inhalatorien ein Lungenkrebsrisiko für den Patienten abgeleitet und mit dem Lungenkrebsrisiko durch Radon in Wohnungen mit erhöhter Radon-Konzentration gleichgesetzt.

Die Folge ist eine Verunsicherung des Patienten, der geheilt und nicht durch die Therapie geschädigt werden möchte. Deshalb haben sich Mediziner, Biophysiker und Strahlenschutzfachleute (P. Deetjen, A. Falkenbach, D. Harder, H. Jöckel, A. Kaul, H. von Philipsborn) mit dieser Frage beschäftigt. Sie haben die Ergebnisse ihrer Untersuchungen unter dem Titel „Radon als Heilmittel – Therapeutische Wirksamkeit, biologischer Wirkungsmechanismus und vergleichende Risikobewertung“ veröffentlicht (2005, Verlag Dr. Kovac, Hamburg) und 2015 in englischer Sprache sowie durch neuere Ergebnisse ergänzt. Eine RADIZ-Schrift (29/2009, A. Kaul) widmet sich den Grundlagen, Heilerfolgen und möglichen Nebenwirkungen der Radon-Therapie als Informationsschrift für Patienten und Ärzte. Sie wurde mit dem vorliegenden Informationsheft überarbeitet und durch neue Ergebnisse der Risikobewertung ergänzt. Sie erläutert darüber hinaus dem Leser, warum der in 2013 von der Europäischen Union verabschiedete Referenzwert von Radon-Konzentrationen in Gebäuden nicht auf die Radon-Balneotherapie angewendet werden kann.

 Mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Studie „Radon als Heilmittel….“ und der vorliegenden Informationsschrift kann dem Patienten auf seine berechtigte Frage nach dem möglichen Risiko einer Radon-Therapie geantwortet werden:

Sehr geehrte Patientin, sehr geehrter Patient,

Ärztliche Maßnahmen sind manchmal mit unerwünschten Nebenwirkungen für den Patienten verbunden. Sie werden vom Arzt bei der Entscheidung berücksichtigt, welche Maßnahme er im Einzelfall für die Aufklärung oder Heilung einer Erkrankung wählt. Im Vordergrund für seine Entscheidung steht immer die Abwägung zwischen dem Nutzen einer Maßnahme für den Patienten und dem möglichen Risiko unerwünschter Nebenwirkungen.

Dies gilt sowohl für die schmerzstillende und entzündungshemmende Therapie chronischer rheumatischer Erkrankungen, die medikamentös mit sog. nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR), als auch für die Radon-Balneotherapie, bei der Patienten in Wannenbädern oder Inhalatorien (z.B. in Thermal-Heilstollen) mit Radon behandelt werden.

Die NSAR wirken anti-inflammatorisch (entzündungshemmend) und analgetisch (schmerzstillend) durch Hemmung der Biosynthese von sog. Mediatoren der Entzündungsreaktion und Schmerzempfindung. Die bei langfristiger Anwendung nicht auszuschließenden unerwünschten Nebenwirkungen können als oberflächliche Schleimhautschädigungen, blutende Geschwüre im Magen-Darm-Trakt oder sogar als Perforation (Magendurchbruch) in Erscheinung treten. Die neuerdings für die Therapie eingeführten „modernen“ NSAR, die sog. Coxibe, bergen zwar deutlich geringere Gefahren für die Schleimhaut des Magens und des Darmes, erhöhen aber eventuell dafür die Gefahr von kardiovaskulären Komplikationen (Herzinfarkte, Schlaganfälle).

Die Radon-Therapie in Wannenbädern oder Inhalatorien beruht auf der biologischen Wirkung des natürlich radioaktiven Edelgases Radon und seiner radioaktiven Zerfallsprodukte auf das Immunsystem. Es kommt in der Regel zu einer länger anhaltenden Schmerzlinderung, die in klinischen Langzeitstudien belegt werden konnte (siehe oben: „Radon als Heilmittel – Therapeutische Wirksamkeit, biologischer Wirkungsmechanismus und vergleichende Risikobewertung“). Neben dieser Schmerzlinderung über Monate bis Jahre ist auch die Einsparung oder zumindest eine deutliche Reduzierung der Medikamenteneinnahme und damit verbunden die Verminderung des medikamentösen Risikos ein nicht zu unterschätzender Gesichtspunkt bei dem Entscheidungsprozess zwischen Radon-Therapie und medikamentöser Therapie.

Neben dieser Heilwirkung des natürlich radioaktiven Edelgases Radon sind strahlenbedingte unerwünschte Wirkungen nicht grundsätzlich auszuschließen, aber äußerst unwahrscheinlich. Radon hat zwar bei Uran-Bergarbeitern und lebenslangem Wohnen in Gebäuden mit geologisch bedingtem hohem Radongehalt Lungenkrebs mit einer Wahrscheinlichkeit im Prozentbereich verursacht. Bei einer therapeutischen Radonanwendung im Wannenbad oder Inhalatorium bzw. bei einer Radon-Trinkkur ist die Wahrscheinlichkeit einer solchen Wirkung jedoch ein überaus kleiner Bruchteil davon, wenn überhaupt vorhanden. Das geht aus folgenden Tatsachen hervor:

 

  1. Die Strahlendosis einer Radon-Kur im Wannenbad oder in einem Inhalatorium (auch in einem Radon-Thermal-Heilstollen) ist höchstens gleich oder deutlich kleiner als die natürliche Strahlendosis und deren Schwankungsbreite, der jeder Mensch während eines ganzen Jahres ausgesetzt ist (siehe „Radon als Heilmittel….“). Der Mittelwert der natürlichen Strahlendosis beträgt in Deutschland etwa 2 mSv/a (Milli-Sievert pro Jahr), die Schwankungsbreite reicht von etwa 1 mSv/a bis 10 mSv/a. Die Höhe dieser natürlichen Strahlendosis ist im Wesentlichen durch die geologischen Eigenschaften der Region, in der man lebt, bestimmt, d.h. vor allem durch den Uran- und Radium-Gehalt der Mineralien im Boden.

    2. Die gesamte zusätzliche Radon-Exposition eines Patienten durch mehrere Kuren im Verlauf seines Lebens beträgt wegen der vergleichsweise kurzen Aufenthaltsdauer in der Wanne oder im Inhalatorium höchstens ein Zehntel derjenigen, die er im Mittel durch         Radon in Gebäuden (wie Wohnungen) und im Freien während eines durchschnittlichen Lebens von 75 Jahren erfährt.

    3. Es ist bisher wissenschaftlich nicht bewiesen, dass eine im Vergleich zu Radon in Wohnungen derartig geringe zusätzliche Radon-Exposition überhaupt zur Vermehrung des bei allen Menschen vorhandenen, sog. spontanen Lungenkrebsrisikos in der Lage ist.
       Aus Vorsorgegründen, wie dies im Strahlenschutz ganz allgemein üblich ist, wird jedoch von Fachleuten folgende bewusst pessimistische theoretische Abschätzung durchgeführt: Betrachtet man alle während des gesamten Lebens eines Patienten im Mittel
       durchgeführten Radon-Expositionen, und lässt man dabei biologische Anpassungsmechanismen (Reparaturmechanismen) außer Acht, dann ergibt sich rechnerisch ein hypothetisches Lungenkrebsrisiko von etwa einem Hundertstel des spontanen
       Lungenkrebsrisikos unserer Bevölkerung. Dieses beträgt derzeit etwa 5%, gemittelt über Nichtraucher und Raucher.

   4. Das medikamentös bedingte, in statistischen Erhebungen beobachtete reale Mortalitätsrisiko durch die sog. nicht-steroidalen Antirheumatika liegt dagegen deutlich über dem theoretisch berechneten hypothetischen Lungenkrebsrisiko der Radon-Therapie.

   5. Unter Berücksichtigung dieser theoretisch berechneten, wenn überhaupt vorhandenen, sehr niedrigen Risiken der Radon-Therapie im Vergleich zu den realen Risiken einer medikamentösen Therapie wird der Arzt entscheiden, welche Art der Therapie gemäß
      dem individuellen gesundheitlichen Problem des Patienten im Einzelfall indiziert ist. D.h., er sucht stets nach optimalem Nutzen für den einzelnen Patienten unter dem Gesichtspunkt der Minimierung unerwünschter Nebenwirkungen. Selbst das unter
      pessimistischen Annahmen berechnete hypothetische Lungenkrebsrisiko bei der Radon-Therapie von Erkrankungen des sog. rheumatischen Formenkreises ist nicht als einschränkend für den Nutzen dieser Therapie zu werten. Es ist vielmehr gegenüber den
      gesundheitlichen Risiken einer medikamentösen Therapie vergleichsweise gering.

Die oben unter 1-3 und 5 gemachten Aussagen über die Strahlendosis von Patienten einer Radon-Kur sind nicht von dem in der Richtlinie der Europäischen Union EU vom 5.12.2013 genannten Referenzwert für die Radon-Konzentration in häuslichen oder gewerblich genutzten Innenräumen von 300 Bq/m3 (Becquerel pro Kubikmeter) betroffen.

Dies hat folgende Gründe:

  1. Der Referenzwert bezieht sich auf Radon in Gebäuden, in denen sich Personen dauernd aufhalten können, und nicht auf Patienten, deren Aufenthalt in Radon-Wannenbädern oder in Radon-Inhalatorien während einer gesamten Radon-Kur vergleichsweise kurz ist, auch bei wiederholten Kuren im Verlauf eines Lebens.
  2. Selbst der für eine Radon-Kur im Wasser mindestens erforderliche Wert der Konzentration von Radon in Badewasser von 666 Bq/l führt in der Raumluft der Therapiestation zu Werten der Radon-Konzentration, die deutlich unterhalb des Referenzwertes der EU für Räumlichkeiten für Daueraufenthalt von Personen der allgemeinen Bevölkerung liegen. Auch in Räumen einer Radon-Therapiestation mit Konzentrationen von deutlich über 666 Bq/l Wasser in den Badewannen überschreitet die Raumluftkonzentration wenn überhaupt nur unwesentlich den Referenzwert der EU und ist unter dem Gesichtspunkt der kurzen Aufenthaltszeiten anderer Personen in den Therapieräumen nicht von Belang.

    3. Im Gegensatz zum Patienten hält sich das Personal während eines als maximal angenommenen mittleren jährlichen Aufenthalts in den Wannenräumen von 2.000 Stunden durchschnittlich etwa 500 mal länger in den Therapieräumen auf als die Patienten
       während einer gesamten Radon-Kur, ohne dass die daraus resultierende Strahlendosis die Schwankungsbreite der natürlichen Strahlenexposition erreicht oder gar überschreitet. Vielmehr bleiben auch diese beruflich bedingten Strahlendosen deutlich unterhalb
       des für diese Personengruppe gesetzlich festgelegten Grenz-wertes der Strahlenschutzverordnung von 20 mSv/a.

Zusammenfassend heißt dies, dass der Referenzwert der EU von 300 Bq/m3 für die Radon-Konzentration nur für den Daueraufenthalt in häuslichen oder gewerblichen Innenräumen gilt. Er ist damit nicht anwendbar und einschränkend für die zeitlich beschränkte medizinische Anwendung von Radon zu Heilzwecken. Und selbst für das in Radon-Wannenbädern oder in Radon-Thermal-Heilbädern tätige Personal kommt der EU-Wert durch den dort zeitlich begrenzten Aufenthalt und die dort durchgeführten Strahlenschutzmaßnahmen nicht einschränkend zum Tragen, da für das beruflich strahlenexponierte Personal die im Strahlenschutzrecht gesetzlich festgelegten Grenzwerte bindend sind.

Damit ist auch die oben unter Punkt 3 getätigte Aussage durch den EU-Wert – obwohl wie oben begründet nicht für Patienten relevant – in ihrer Gültigkeit nicht eingeschränkt:

Denn das unter dem allgemein gültigen Vorsorgeaspekt im Strahlenschutz angenommene rechnerische Lungenkrebsrisiko von Radon-Patienten einer Wannen-Kur und selbst bei einer Radon-Inhalationskur in einem Inhalatorium, liegt höchstens bei einem Hundertstel des spontanen Lungenkrebsrisikos unserer Bevölkerung – Raucher eingeschlossen.

Prof. Dr. Alexander Kaul

Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des Radon Revital Bades
Präsident a.D. des Bundesamtes für Strahlenschutz, Berlin