"Die Prädikate sind wichtig"

BZ-INTERVIEW mit Bernhard Meyer, dem Geschäftsführer des Radon Revital Bades über die Bedeutung von Kneipp und guter Luft.

ST. BLASIEN. Vor zehn Jahren ist das Radon Revital Bad in Menzenschwand eröffnet worden, gleichzeitig feiert sich die Stadt als "heilklimatischen Luftkurort" (seit 75 Jahren) und als "Kneipp-Kurort" (seit 50 Jahren). Welche Bedeutung haben diese Prädikate heute noch, wie nutzt sie die Stadt. Das wollte Sebastian Barthmes vom Geschäftsführer des Bades, Bernhard Meyer, wissen.

BZ: Zehn Jahre Radon Revital Bad – wie hat sich der Betrieb entwickelt?

Meyer: Das junge Bad hat Jahr für Jahr Steigerungsraten bei den Besucherzahlen zu verzeichnen und sich heute einen respektablen Platz erobert. Nur die reinen Radonwannenbäder nicht in dem Maße, in dem man es erwartet hatte.

BZ: Aber nach langem Warten hat doch eine wissenschaftliche Studie die Wirkung des Radons belegt. Die Krankenkassen haben darauf nicht reagiert?

Meyer: Die Reaktion der Krankenkassen ist immer noch sehr zurückhaltend. Sie haben die Radontherapie noch nicht anerkannt. Ja, in einer großen Studie ist es gelungen, die Wirkung nachzuweisen. Die Auswertung hält noch an. Und man versucht, diese Studie auf bestimmte Indikationen hin auszuwerten. Für Menzenschwand ist das zum Beispiel Morbus Bechterew. Insgesamt hat man viel Mut aus der Studie geschöpft.

BZ: Steht denn überhaupt die Gesundheit bei den Badegästen im Mittelpunkt, oder ist es eher das schöne Bad, das sie lockt?

Meyer: Beides, würde ich sagen. Auch wenn der Anspruch an das Wasser nicht absolut im Vordergrund steht. Es ist sehr wohl die Gesundheit, wegen der die Menschen ins Bad kommen. Die Lage und das Gebäude selbst, das wie ein Juwel in der Landschaft steht, tragen zum Wohlbefinden und damit indirekt natürlich zur Gesundheit bei. Es ist ein Gesundheitsbad, in der Tat. Als solches wird es auch von jüngeren Besuchern und ausländischen Gästen wahrgenommen. Nicht im Sinne
einer Therapie, sondern, weil ein Aufenthalt im Bad in dieser Naturkulisse einfach gut tut.

BZ: Wie wichtig ist denn die Gesundheit überhaupt für den Tourismus in der Stadt? Kommen Gäste heute noch wegen Kneipp, besonders guter Luft und der Wirkung von Radon hierher?

Meyer: Die Gäste, die in die Region kommen, haben ein bestimmtes Bild vom Schwarzwald und von St. Blasien vor Augen. Der Schwarzwald steht für das aktive Erleben in der Natur, nicht für Mineralheilbäder. Das Heilklima hat jedoch sehr wohl in St. Blasien eine lange Tradition – das Sanatorium wurde im 19. Jahrhundert gegründet, die Lungenfachklinik besteht nach wie vor. Es gibt zum Beispiel auch einen Klimatherapeuten in der Stadt, und die Touristinfo begleitet Gäste auf Tagesexkursionen. St. Blasien muss sich auch zukünftig als Gesundheitsstandort im Hochschwarzwald profilieren.

BZ: In einem Vortrag wird ein Tourismusfachmann der Hochschwarzwald Tourismus GmbH über das "schlummernde Potential heilklimatischer Kurorte" sprechen. Was macht denn St. Blasien aus diesem Prädikat, was könnte daraus gemacht werden?

Meyer: Wir sind ein Ganzjahresziel: Im Winter gibt es Schnee und Sonne, man kann wegen der Dunkelheit gut schlafen und vielerorts gibt es auch keinen Handyempfang. Das Angebot, das es hier gibt, soll Spaß machen. Es gibt gesundes Essen mit natürlich gewachsener Kost aus der Umgebung, man kann sich im Sommer E-Bikes leihen, den Geißenpfad genießen oder viele andere Angebote von Betrieben nutzen, die einen animieren, unterwegs zu sein. Die Leute kommen also, weil es ihnen Spaß macht. Und nebenbei tun sie noch etwas Gutes für ihre Gesundheit. Die Gäste genießen und nehmen dann den positiven
Eindruck mit nach Hause.

BZ: "Kneipp-Kurort" – seit 50 Jahren hat St. Blasien dieses Prädikat. Im vergangenen Jahr hat der Kneippverein mit Unterstützung der Stadt Kneippbecken saniert. Neue Kneippmöglichkeiten kommen in der Alb beim Busbahnhof dazu. Die Menschen wollen also immer noch kneippen und das am liebsten hier?

Meyer: Kneipp wird heute nicht mehr so wahrgenommen, wie vor 50 Jahren. Aber ich glaube, dass neben der Wassertherapie auch die anderen Punkte ihre Bedeutung mehr denn je haben. Kneipp wollte die Einheit von Körper, Geist und Seele herstellen. Dieser Ansatz ist in unserer heutigen Schnelllebigkeit aktueller denn je. Dafür bietet das beschauliche Städtchen das richtige Angebot: Die Präsenz mit dem Dom und dem international bekannten Kolleg als geistiges Zentrum, die Domfestspiele, das anspruchsvolle Programm der Dom und Klosterkonzerte, das Bildhauersymposium. Diese Vielfalt ist für Geist und Seele gut. Zudem wird der Körper durch die Aktivitäten in der Natur gefordert. All diese Prädikate müssen von allen ständig nach außen vertreten werden. Ich sehe also in der Präsentation von St. Blasien mit Menzenschwand und dem Albtal absolutes Potential.

BZ: Haben die Prädikate also noch ihre Berechtigung?

Meyer: Die Prädikate wird man immer wahrnehmen und sie sind wichtig. Die jeweils notwendige Infrastruktur ist zu erhalten und entsprechend der Bedürfnisse der Zielgruppen anzupassen. Die Stadt darf mit einem gewissen Selbstbewusstsein die Stärken herausstellen. Die Inhalte der Prädikate müssen heute anders transportiert werden.

BZ: Und wer soll angesprochen werden?

Meyer: Zur hauptsächlichen Zielgruppe gehören Menschen, die sich in der Natur bewegen wollen. Ich nenne sie mal die naturverbundenen Genießer. Dabei können wir eine große Altersspanne erreichen, auch Familien. Es ist wünschenswert, dass
Eltern mit ihren Kindern im Sommer oder im Winter in den Hochschwarzwald kommen. Die Kinder kommen dann in späteren Jahren mit ihren eigenen Familien gerne wieder. Das ist nachhaltig.

Bernhard Meyer ist seit 2014 Geschäftsführer des Radon Revital Bades in St.
Blasien-Menzenschwand.